Ich muss los – Rezension von Claudine Borries

Eine ganz und gar merkwürdige Geschichte ist diese Erzählung über den Sonderling Dorst! Still und schweigsam lebt er in seiner Welt. Lakonisch und stoisch beobachtet er, was um ihn herum geschieht. Schnell macht er sich mit dem Ruf: „Ich muss los“ davon, wenn ihn etwas stört, langweilt, ihm zu nah kommt, oder er Erwartungen erfüllen soll. Durch sein Verhalten im Umgang mit seinen Mitmenschen zeigt er eine unvergleichliche Distanz, die ihn von allen anderen trennt und unterscheidet. Er versteht nichts vom Sterben seines Vaters, denn er glaubt, dieser hungere sich zu Tode. Seine Mutter, verstört und umtriebig , nervt ihn ebenso wie ihr Bekannter, Herr Quoirin, oder verschiedene seiner Freunde. Auch den Freundinnen gegenüber bleibt Dorst stumm, scheu und manchmal ein bisschen wie ein tumber Tor, wenn er sich nähert und rasch wieder entzieht. Er bleibt von klein auf bis ins Erwachsenenalter ein stiller Betrachter und Teilhaber in seiner Welt.

Die Erzählung ist in ihrer sprachlich spartanischen Ausdrucksweise teilweise komisch bis ernst und kritisch .Die Eigenheiten des spießigen Kleinbürgerlebens, die Einfalt der Mutter in ihrem späten Lebensgenuss mit ihrem Bekannten werden fast ein wenig lächerlich beschrieben wird.

Die Mutter steht ratlos vor dem unerwarteten Treiben ihres Sohnes. Was soll sie auch davon halten, wenn ihr Sohn sich zum Stadtführer aufschwingt, der den Leuten Geschichten auftischt, die er als eine Art “ anderer Stadtführung“ verkauft? Bei der es um Metzgerläden und erdichtete Geschichten über Häuser und Balkone geht, die Dorst sich gerade erst ausdenkt?

Es geht alles seinen sonderbaren Gang bis er Elner trifft! Sie ist lebhaft, lebendig, natürlich, warmherzig und offen. Er scheint zum ersten Male aufzutauen. Sie hat es ihm angetan. Und eine schönere Liebeserklärung als die, die er ihr macht, habe ich selten gelesen. Sie zeugt von einer tiefen menschlichen Sehnsucht! Aber natürlich,–Dorst bleibt der , der er ist!

Ein eigenartiges, psychopathologisches Leben breitet sich vor dem Leser aus. Die Sätze sind meisterhaft knapp geschrieben. Mit diesem Erzählstil wird die Verschlossenheit des besonderen Charakters von Dorst noch hervorgehoben.

Dabei ist Dorst an der Grenze zur Sonderbarkeit gar nicht so weit von der Normalität entfernt: gilt es doch die Feinheiten des menschlichen Lebens zu beobachten und einfach nur zu Protokoll zu nehmen.

„Ich muss los“ ist ein feinsinniges, eigenes, witziges und lesenswertes Buch . (Claudine Borries)

Titel: Ich muss los
Autor: Annette Pehnt
Verlag: Piper Verlag
Seiten: 126
ISBN: 3492043267