Karibische Geschichten – Rezension von Ursula Homann

Lange Zeit galt Anna Seghers als Ikone der DDR-Literatur und als Aushängeschild des Ulbricht- und Honecker-Staates. Nach dem Fall der Mauer begann man allerdings auch im Westen, die Autorin etwas genauer zu lesen und differenzierter zu beurteilen. Denn Anna Seghers hat nicht nur Romane geschrieben, die dem Parteiprogramm der DDR entsprachen, sondern auch viele andere Bücher, wie etwa „Das siebte Kreuz“ und „Transit“, die, über alle ideologischen Schranken hinweg, ihre dichterische Begabung eindeutig belegen. Zudem hat sie sich in der Literatur nie einem vordergründigen Realismus-Diktat, wie es der Literaturpapst des Ostens, Georg Lukács, einst gefordert hat, unterworfen. Das zeigen auch ihre, mit surrealen und mythischen Elementen angereicherten „Karibischen Geschichten“. Wie aber kommt Anna Seghers, die schon früh eine überzeugte Kommunistin war und sich für unterdrückte Menschen und Völker einsetzte, dazu, sich mit der Geschichte in der Karibik zu befassen? Die Erklärung liegt auf der Hand. Denn in der Nazizeit hatte Anna Seghers, wie viele andere auch, Deutschland verlassen müssen. Ihr Fluchtweg führte sie nach Mexiko über Martinique und San Domingo. So wurde ihr Interesse für diesen Teil der Erde wach.

Alle drei in dem Band versammelten Geschichten spielen in der Zeit von der Französischen Revolution bis zum Emporkommen Napoleons und basieren auf historischen Fakten. In „Hochzeit von Haiti“ führt der Farbige Toussaint L’Ouverture die Befreiung der Negersklaven auf Haiti an. Während in Paris die Trikolore wehte und der Konvent die Leibeigenschaft abgeschafft hatte, war in den französischen Kolonien alles beim alten geblieben. Michael Nathan, der Sohn eines jüdischen Juweliers, wird Toussaints Sekretär. Aber ihrem Unternehmen ist kein dauerhaftes Glück beschieden. Fast gleichzeitig, ohne voneinander zu wissen, stirbt bald der eine im Exil, der andere in Haft.

Die zweite Erzählung handelt, wie schon der Titel andeutet, von der „Wiedereinführung der Sklaverei zu Guadeloupe“. Auch sie berichtet vom Widerstand der in die Berge geflüchteten Neger und vom Scheitern der Sklavenbefreiung. Diese schlug fehlt, weil die ehemaligen Sklaven aus dem Freiheitsrausch nicht in die Arbeits- und Alltagsrealität zurückfanden.

Die dritte Erzählung „Das Licht auf dem Galgen“ führt nach Jamaika. Hier sind es zwei miteinander befreundete Weiße, die für die Sklavenbefreiung kämpfen. Doch der geplante Aufstand wird vereitelt, noch ehe er zum Ausbruch kommt, weil einer der beiden, um sein Leben zu retten, Verrat begeht, während der andere der Idee der Freiheit für alle Menschen treu bleibt und am Galgen endet.

Ähnlich wie in der frühen Erzählung „Aufstand der Fischer von St.Barbara“(1928), mit der Anna Seghers ihren Ruhm begründete, misslingen auch in diesem Band, alle Versuche, sich gegen die Ausbeuter zu erheben. Solch ein Ausgang dürfte nicht im Sinne des real existierenden Sozialismus gewesen sein. Hat die Autorin resigniert? Das wohl kaum. Den Glauben an den Sinn der Revolte, Menschlichkeit und Solidarität in die Welt zu tragen, hat sie nie aufgegeben, nur hat sie die Schwierigkeiten, dies zu erreichen, wohl realistisch eingeschätzt. Eins aber bekunden die „Karibischen Geschichte“ ganz deutlich: es lohnt sich, mit der bei uns lange verleumdeten Dichterin näher zu befassen. Das letzte Wort ist über sie noch längst nicht gesprochen. Apropos: Der Sklavenhandel blüht immer noch, auf Haiti und anderswo, wenn auch oft in anderem und verstecktem Gewand. (Ursula Homann)

Titel: Karibische Geschichten
Autor: Anna Seghers
Verlag: Aufbau Taschenbuch Verlag
Seiten: 256
ISBN: 3746651743