Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls – Rezension von Ensa Maurer

Paul, der in West-Berlin lebende Student, bessert seinen Etat durch alldonnerstägliche Kurierfahrten in den Ostteil der Stadt auf. Im Büro der jenseits der Mauer liegenden Spedition Deutrans, der er Westgeld bringt und dafür Abforderungsscheine für sozialistische Schlachtabfälle bekommt, lernt er Maria kennen und verliebt sich in sie.

Fortan gewinnt seine studentische Aushilfstätigkeit eine neue Qualität, sehnt er die Donnerstage förmlich herbei – trotz aller peniblen, schikanösen Grenzkontrollen und Schlagbäume, die es auf dem Weg zu Maria ins andere Deutschland zu nehmen gilt. Unter einer Decke der Klammheimlichkeit finden ihre Treffen statt, lassen sie aus Verliebtheit Liebe werden und spinnen sie Träume einer gemeinsamen Zukunft. Die zerplatzen jedoch jäh, als Paul äußerst unfreiwillig beim Versuch, die innerdeutsche Grenze zu passieren, die Bekanntschaft mit dem Oberleutnant Jahn macht, der sich nicht auf ein „Wir wissen alles!“ beschränkt, sondern alles, was er weiß überdies mit gestochen scharfen, schwarz-weißen Hochglanz-Fotos belegen kann. Sie zeigen Paul und Maria auf dem Alexanderplatz, Hand in Hand durch Parks schlendernd und im Prager Spartakiadestadion. Schlagartig wird ihm klar, dass die Möglichkeiten, seine Beziehung zu retten und Maria nicht zu gefährden, auf ein Minimum reduziert sind – er ergreift sie.

Detailliert, atmosphärisch dicht und eindrucksvoll beschreibt Roland Künzel mit seiner Erzählung um Paul und Maria nicht nur deren ganz persönliche Geschichte, sondern auch die über das Leben diesseits und jenseits der nunmehr längst verschwundenen Mauer. Künzels Buch ist Déjà-vu-Erlebnis für all jene, die wie seine Protagonisten zwischen den Welten gependelt sind, alle anderen zieht er in einem Strudel aus Erstaunen, Entsetzen und Ungläubigkeit zurück in die Vergangenheit des ebenso abrupt geteilten wie wiedervereinigten Deutschlands.

„Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls“ ist der erste Roman des 1951 geborenen, in Berlin lebenden Autors Roland Künzel, der mit profunden eigenen leidvollen Erfahrungen zur Situation durch die Mauer getrennter Familien aufwarten kann. „Ich musste“, gibt er in einem Gespräch zu, „meine Phantasie nicht sonderlich stark anstrengen, denn die meisten Schicksale waren einfach vorhanden.“ Die Idee, seine Erlebnisse und die anderer in einem Roman zu dokumentieren, entstand gleichsam durch die Erkenntnis, dass es „wenig belletristische Mauerbau/-fall-Literatur gibt“ und das Bedürfnis, „einen Versuch zu unternehmen, die Atmosphäre des Mauerfalls zu konservieren“. Das ist ihm wahrlich gelungen. (Ensa Maurer)

Titel: Die Liebe in der Zeit des Mauerfalls
Autor: Roland Künzel
Verlag: Frieling & Partner
Seiten: 192
ISBN: 3828009964