MERIAN Köln – Rezension von Ursula Homann

Köln, Deutschlands viertgrößte Weltstadt, hat seit fast 2000 Jahren Stadtrechte, länger als andere Metropolen. Somit rauscht bei Kilometer 688 der Rhein, der oft besungene Schicksalsstrom, den weder Vaterlandsmythen noch Chemieabwässer umbringen konnten, an zweitausend Jahren Geschichte vorüber. Aber nicht nur vom Rhein, auch von dem alles überragenden Kölner Dom wird der Reisende gleich am Bahnhof empfangen. Mit seinen 43 Metern hohen Gewölben hat er die höchsten Gewölbe aller je vollendeten gotischen Kathedralen, wobei die Fensterfläche größer ist als der Boden. Der Dom, dessen Längsschiff erst 1863 nach fast dreihundert Jahren Baustopp fertig wurde, bestimmt das Kölner Panorama. Er ist „göttlich von oben bis unten“, schreibt Tina Stommel im neuen Merianheft Köln, und „überraschend im Detail.“

Gekennzeichnet ist die Stadt ferner durch Karneval (oder durch sexy Kleidung) und katholische Prozessionen und ist gleichzeitig ein katholisches Idyll mit Starallüren, geprägt von liberalen Bürgern mit Mutterwitz, Offenheit und etwas Größenwahn. Allerdings droht das katholische Milieu zu schwinden. Auch wenn immer noch im Kölner Bistum 30 000 Messdiener ehrenamtlich tätig sind, so verliert es doch täglich dreißig Katholiken durch Austritt.

Selbst vor dem Rheinland hat die Globalisierung nicht Halt gemacht, wie man aus dem Heft weiter erfährt. In den Kölner Bars fließt nämlich nicht mehr bloß Kölsch, sondern auch die Konkurrenz aus Düsseldorf: Altbier. Doch – das sei an dieser Stelle noch vermerkt – der Kölner ist derartig gesellig, dass er einzeln gar nicht vorkommt.

Köln ist außerdem eine Kunstmetropole, in der sich Galerien häufen wie sonst nur in New York. Das Wallraf-Richartz-Museum dürfte allen bekannt sein: Ferdinand Franz Wallraff gab die Bilder, Johann Heinrich Richartz das erste Haus. Heute beherbergt das vierte Haus die dort inzwischen angesammelte Kunst. Auch das Museum Ludwig hat Weltrang. Hier führt Kaspar König eine bedeutende Sammlung ins 21.Jahrhundert, während sein Bruder Walther die Literatur dazu besorgt.

Die leichtere Muse hat in Köln ebenfalls ein Zuhause gefunden. Mit der Lindenstraße und mit Videoclips fing es an. Heute ist Köln die Drehscheibe der Soaps, Serien und Shows. Der Fernseh-Hype zieht tausende Jugendliche an, die beim Sender VIVA und anderswo eine lässige Karriere suchen. Viele werden vom Schulhof weggecastet und arbeiten als Einsteiger und Einsteigerinnen nicht selten 12 Stunden täglich gratis.

Zudem möchte Köln nur zu gerne die Haupstadt eines Silicon Valley der Gentechnik werden. Aber Reibereien mit den Mitbewerbern Düsseldorf und Aachen haben bisher das große Start-up verhindert.

Wussten Sie übrigens schon, dass Köln die Hauptstadt der Homosexuellen ist und nicht Berlin? An keinem anderen Ort treten Schwule und Lesben offener und selbstbewusster auf. Im Service-Teil erfährt man, dass sich in Köln eine neue Hotelszene etabliert hat – Coole Designhotels wie das Hopper St.Antonius setzen selbstbewusste Akzente – und dass die „Rievkooche mit Biss“, die deftige rheinische Küche, trotz ihres seltsamen Namens gut verdaulich ist. (Ursula Homann)

Titel: MERIAN Köln
Autor: MERIAN-Redaktion
Verlag: Jahreszeiten-Verlag
Seiten: 146
ISBN: 3774267030