MERIAN Berlin – Rezension von Ursula Homann

Nach drei Jahren erscheint wieder ein MERIAN-Heft über Berlin, über eine Stadt, die sich mittlerweile erheblich gewandelt hat. Nachdem die Regierung hierhin ihren Sitz verlegt hat, entsteht im Regierungsviertel eine neue Pracht aus Glas und Stein. Fünf Millionen Besucher stiegen seit der Eröffnung im April 1999 in die Reichstagskuppel, die der Architekt Norman Foster mit 1200 Tonnen Glas und Stahl neu gestaltet und damit die Stadtsilhouette entscheidend verändert hat. Kein Wunder, dass das achte MERIAN Berlin-Heft umfangreicher ausgefallen ist als die anderen zuvor. (Die Ausgabe vom Dezember 1949 wird übrigens zurzeit schon für dreihundert Mark gehandelt.) Es enthält einen neuen Magazinteil mit einer Fülle von Tipps und Informationen, mit Adressen von Museen, Restaurants, Ausflugslokalen, Bars, Cafés, Kneipen, bunt gemischten Touren und erweist sich als brauchbarer Wegweiser durch die Stadt, die sich neu erfunden hat. Zumindest ist sie vergnügter geworden, genießerischer, internationaler im täglichen Taumel zwischen Euphorie und Ernüchterung. Mal ist sie Weltstadt, dann wieder Provinz – die Stadt an der Spree, die erst im 19.Jahrhundert zur Metropole wurde und dann gleich zum Mythos, durch Preußen, Weimar, Hitler und die DDR.

Heute ist zwischen Reichstag und neuem Bundeskanzleramt trotz Baustellen überall schon so etwas wie eine blühende Landschaft entstanden, obwohl die Schattenseiten nicht zu übersehen sind. Love-Parade und Grillplätze beispielsweise setzen dem Naturdenkmal Tiergarten im Sommer schwer zu.

Kreuzberg wiederum hat sich zu einem wahren Schmelztiegel der Kulturen entwickelt. Knapp eine halbe Million Ausländer lebt in Berlin. Fast jeder Dritte ist Türke. Auch andere zieht Berlin an, wie in den zwanziger Jahren: russische Glückssucher und Aussiedler, Schriftsteller und Verleger.

Früher lebten hier Alfred Döblin – man denke nur an seinen Roman „Berlin Alexanderplatz“ -, Theodor Fontane, Erich Kästner, Joachim Ringelnatz, Claire Waldoff, Kurt Tucholsky und Alfred Kerr. Auch gegenwärtig ist Berlin wieder ein Zentrum der neuen deutschen Literatur. Bert Papenfuss, Katja Lange-Müller, Elke Naters, Jens Sparschuh und viele andere Autoren hat es hierhin gezogen. Sie alle werden in dem Heft vorgestellt, mit unterschiedlichen Texten. Zudem hat Berlin mehr als 170 Museen wie etwa das Pergamonmuseum mit dem gleichnamigen Altar sowie Schatz-Kammern und Kuriositäten-Kabinette und, nicht zu vergessen, die Sammlung von Heinz Berggruen zur Klassischen Moderne mit rund 170 Werken.

Auch das kürzlich eröffnete Jüdische Museum wird ausführlich gewürdigt. Sein Direktor Michael Blumenthal äußert sich in einem eigenen Beitrag über den spektakulären Bau des Museums, über das neue Berlin und die unsichtbare Mauer zwischen deutschen Nichtjuden und Juden. Das Museum soll, das jedenfalls wünscht sich sein Leiter, dazu beitragen, die Toleranz gegenüber Minderheiten zu fördern sowie die Bereitschaft, aus Fehlern zu lernen. Vor der Vertreibung und Auslöschung war die jüdische Gemeinde Berlins mit 173000 Mitgliedern die fünftgrößte der Welt. Zurzeit hat sie ungefähr 12000 Mitglieder – wie damals wird es sicher nie wieder sein. Heute zeugt vor allem der Jüdische Friedhof in Weißensee, der mit etwa 400000 Quadratmetern der größte erhaltene jüdische Friedhof Europas ist, von der einstigen Blüte der jüdischen Kultur, die der deutschen so viel Glanz und Ansehen mitverschafft hat. (Ursula Homann)

Titel: MERIAN Berlin
Autor: MERIAN Redaktion
Verlag: Gräfe und Unzer
Seiten: 234
ISBN: 3774266093