Merian, Brasilien – Rezension von Ursula Homann

Kaum ein Volk kann Leiden so wenig leiden wie die Brasilianer. Wie aber wird es mit Tragödien und Katastrophen fertig? Mit Singsang und Tanz wie etwa bei dem Tod eines beliebten Showmasters? Seinem Sarg liefen nämlich Tausende von Trauergästen tanzend und singend hinterher und feierten das Leben.

Alles darf der Brasilianer sein, nur nicht chato, das heißt langweilig und humorlos sein. Für alles im Leben findet der Brasilianer einen Dreh, um die Gesetze zu umgehen. Als beispielsweise die Anschnallpflicht eingeführt wurde, verkauften Händler in Rio T-Shirts mit aufgemaltem Sicherheitsgurt. Glaubt doch der Brasilianer, dass Gott ein Brasilianer sei. „Deus é brasileiro“ ist eine in Brasilien häufig zu hörende Redensart, in der Stolz und Größenwahn mitschwingen, die aber zugleich auch eine Liebeserklärung ist an ein Land, dessen maßlose Schönheit vom Amazonas im Norden bis zu den Pampas-Steppen im Süden reicht und wo auf dem Corcovado der steinerne Christus über Rio wacht.

Im Nordosten Brasiliens zeugen barocke Bauwerke wie das Convento Sao Francisco in Olinda von früherem Reichtum. Das riesige Sumpfland wiederum im Grenzgebiet zu Bolivien und Paraquay gehört mit mehr Fischarten als in Europa und mehr Vogelarten als in den USA zu den artenreichsten Naturreservaten der Welt während im Zentrum Südamerikas der Pantanal liegt – ein riesiges Sumpfgebiet und das aufregendste Naturreservat des Kontinents mit vielen wilden Tieren.

Andere denken, wenn von Brasilien die Rede ist, an Sao Paulo, die maß- und uferlose Stadt. Walter Saller, der als freier Autor in Berlin lebt und schon einige Male in Brasilien war, glaubt, dass Sao Paulo der biblischen Idee von Babel sehr nahe kommt. Für den Autor Jens Glüsing war dagegen die Recherche ein Heimspiel. Wohnt er doch schon seit zehn Jahren in Rio. Er wiederum beschreibt Freiheiten und Rituale der Sonnensucher aus eigener Erfahrung. In Brasilien ist auch der von vielen Lesern als Sinnsucher und Sinnstifter hoch geschätzte Schriftsteller Paulo Coelho zu Hause. Zu seinen Lesern gehören sowohl Madonna als auch Bill Clinton, Shimon Peres und der iranische Präsident Chatami. Aber auch Pelé ist in der ganzen Welt bekannt. Der Ball, mit dem er sein 1000.Tor schoss, liegt heute im größten Fußballstadion der Welt, im Maracana-Stadion.

Brasilien ist ein reiches und zugleich armes Land. Seine Rohstoffe wie Zucker, Gold und Kaffee machten es groß. Seine Politiker jedoch brachten es an den Rand des Ruins. Von all diesen Dingen erzählt das farbenprächtige, unterhaltsame MERIAN-Heft und vermittelt wie immer wertvolle Tipps. (Ursula Homann)

Titel: Merian, Brasilien
Autor: MERIAN-Redaktion
Verlag: Gräfe und Unzer
Seiten: 130
ISBN: 3774267014