Kuba – Rezension von Ursula Homann

„Das herrlichste Land, das Menschenaugen je erblickt haben“, stellte Columbus fest, als er nach Kuba kam. „Alle träumten von Kuba“, so heißt ein Buch des kubanischen Schriftstellers Miguel Barnet, das von den Hoffnungen galicischer Einwanderer handelt. Nach der Revolution fand ein anderer kubanischer Traum seine Anhänger: der vom neuen Menschen in einer gerechten Gesellschaft. Doch beides erfüllte sich nicht. Mittlerweile hat sich Kuba wieder dem Tourismus geöffnet. Mehr als 1,6 Millionen Besucher zählte die Insel im letzten Jahr. Inzwischen beginnen sich sogar die Beziehungen der USA zu Kuba zu normalisieren, nicht zuletzt durch den kleinen kubanischen Jungen Elián González, der Ende 1999 beim Untergang eines Bootes mit kubanischen Flüchtlingen seine Mutter verlor. Er selbst wurde als Schiffbrüchiger an der Küste Floridas an Land gespült und konnte erst nach langen Streitigkeiten und aufsehenerregenden Querelen zwischen seinen amerikanischen Verwandten und den Behörden seinem kubanischen Vater zurückgegeben werden.

All diese Entwicklungen und Ereignisse haben im neuen Merianheft ihren Niederschlag gefunden. Das Heft zeigt das Land im Umbruch und spiegelt seine heutige Widersprüchlichkeit eindrucksvoll wider. Durch informative Berichte und stimmungsvolle Bilder erzählt es von Havannas herrlicher, aber verfallender Architektur, von der Lebenslust der Kubaner und ihrem alltäglichen Überlebenskampf, von ihrer Liebe zur Musik und dem Leid zerrissener Familien, von großen Gesten und spannenden Spiele – vor allem der Baseball ist eine nationale Passion. Die besten Amateurboxer sollen von hier kommen. Kuba ist aber auch ein bekanntes Filmland. Alljährlich findet im Dezember das Filmfest in Havanna statt, während der Schwarzmarkt den florierendsten Posten in der kubanischen Wirtschaft darstellt. Touristen schwärmen von den weißen Stränden Kubas, von seiner bunten Vogelwelt – viele Arten existieren nur hier – und übersehen oft, wie hart das Leben in diesem Staat noch immer ist.

Das Heft informiert ferner über Tabak- und Zuckerrohranbau und die mitreißenden Rhythmen der Insel, die noch ältere Semester veranlassen, das Tanzbein zu schwingen. Viele Kubaner kommen hier zu Wort: der Lyriker Raúl Rivero, der die unabhängige Nachrichtenagentur Cuba-Press gegründet hat, der kubanische Schriftsteller Abilio Estévez – er erklärt die Besonderheit der kubanischen Lebensart -, Reinaldo Montero – er ist Dramaturg, Schriftsteller und Universitätsdozent in Havanna – sowie verschiedene Auslandskorrespondenten.

Wie bei Merian üblich, enthält auch dieses Daten zur Geschichte und liefert Reiseinformationen, Karten und Literaturhinweise. (Ursula Homann)

Titel: Kuba
Autor: Merian
Verlag: Graefe und Unzer
Seiten: 140
ISBN: 3774265119