Kreta – Rezension von Ursula Homann

Kreta, die größte griechische Insel, ist eines der beliebtesten Reiseziele am Mittelmeer. Viele kommen wegen der Strände zwischen Iráklion und Agios Nikólaos oder wegen der steilen Südküste am Libyschen Meer hierher. Andere wiederum, die in Kreta vor allem die Wiege Europas sehen, zieht es in erster Linie an die Stätten der Minoer, nach Knossós, Festós oder Palekástro. Denn Kreta, zwischen Asien, Afrika und Europa gelegen, ist reich an Kultur und hat eine sagenumwobene Vergangenheit aufzuweisen.

Doch gerade in jüngster Zeit ändert sich Kreta rasant. Überall wird gebaut. Auch das letzte Bergnest ist inzwischen mit dem Auto zu erreichen. Da es jedoch nur wenigen Gästen gelingt, einen Blick hinter die Kulissen „dieser immer noch unwirtlichen, durch Hochgebirge geprägten Insel“ zu werfen, möchte das neue Merian-Heft mithelfen, wie Holger Schnitgerhans im Vorort betont, Kreta besser zu verstehen und einen Zugang zu den Menschen dort zu finden.

Das Heft gewährt einen Blick in das tägliche Leben und Treiben auf Kreta. Es zeigt Fischer bei der Arbeit, Schafe und Ziegen. Es erzählt vom Olivenanbau, enthält Bilder von kretischen Bräuchen und vom Volksleben, aber auch von wilden Schluchten, darunter der vielbesuchten Samariá-Schlucht, von den Höhlen in Mátala – in frühchristlicher Zeit bargen sie Gräber, in den sechziger Jahren waren sie Wohnstätten der Hippies und heute sind sie ein großer Anziehungspunkt für den Massentourismus. Dazwischen erblicken wir immer wieder Sonne, schneebedeckte Berge und schöne Perspektiven. Ob im Gebirge, am Meer und in den Häfen, an vielen Stellen eröffnet Kreta spektakuläre Aussichten. Wir erleben den venezianischen Hafen von Réthimnon mit seinem fröhlichen Ambiente – während ihrer langen Herrschaft beflügelten die Venezianer das Kulturleben der Insel -, das bunte Treiben in Kretas Hauptstadt Iráklion – sie ist die kleine Version von Athen – und nicht zu vergessen Chaniá, die älteste Stadt der Insel. Auch der kretischen Küche zollen die Autoren viel Aufmerksamkeit. Wir erfahren außerdem, dass Kreta seit Jahrhunderten ein Zentrum der Ikonenmalerei ist. Immerhin sind Heiligenbilder ein Fundament des hier beheimateten orthodoxen Glaubens. Natürlich wird auch Göttervater Zeus erwähnt, der auf dem Berg Psiloritis den eigenen Vater zu vergiften versuchte und die Prinzessin Europa in Gestalt eines Stieres nach Kreta entführte.

Aufsätze von Fachleuten und Kennern der Insel ergänzen das reichhaltige Text- und Bildmaterial. Der Schriftsteller Jorgi Jatromanolákis schreibt von seiner Kindheit auf Kreta. Der Archäologe Eberhard Zangger, der als Querdenker seiner Zunft gilt, zeichnet im Interview mit Gabriela Bonin ein neues Bild von der alten kretischen Zivilisation. Vielfach seien Minoer und Mykener idealisiert und überbewertet worden, meint Zangger, das aber sei nur bildungsbürgerlichem Wunschdenken entsprungen.

Wie bei Merian-Heften üblich, bietet auch dieses Landesdaten, Kartenmaterial und viele nützliche Tipps. (Ursula Homann)

Titel: Kreta
Autor: Merian
Verlag: Gräfe und Unzer
Seiten: 118
ISBN: 3455290027