Der Seewolf – Rezension von Alfred Ohswald

Nach einem Schiffsunglück treibt der Literaturkritiker Humphrey von Weyden im eiskalten Meer und wird im letzten Moment von einem Robbenfäger gerettet. Kaum ist er wieder zu sich gekommen, muss er bestürzt erfahren, dass sich der Kapitän des Schiffes aus einer Laune heraus entschlossen hat, ihn nicht an Land zu bringen sondern als Besatzungsmitglied mit auf die Reise zu nehmen. Dieser Kapitän namens Wolf Larsen herrscht durch Brutalität und seine gewaltige Körperkraft über die großteils aus ebenso brutalen Männern bestehende Mannschaft. An Bord herrscht ständig eine überaus gewalttätige Atmosphäre und es kommt immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen.

Humphrey wird dem kleinen, dürren aber durch und durch bösartigen Schiffskoch als Küchenhilfe zur Seite gestellt und muss ständig dessen üble Launen ertragen. Während es an Bord zu immer größere Spannungen zwischen Teilen der Mannschaft und Larsen kommt, die in wiederholte erfolglose Anschläge auf sein Leben ausarten, beginnt der Koch Humphrey immer stärker zu bedrohen und dieser fürchtet ernsthaft um sein Leben.

Bei Gesprächen mit dem Kapitän stellt Humphrey fest, dass dieser nicht nur über schier übermenschliche Kraft verfügt, sondern auch überdurchschnittlich intelligent ist und sich selbst eine beachtliche Bildung angeeignet hat. Im Gegensatz zum den an Moral, die Unsterblichkeit der Seele und das Gute im Menschen glaubenden Schöngeist Humphrey vertritt mit fesselnden Argumenten Larson eine Weltanschauung von fressen und gefressen werden in der berechtigterweise nur der Starke überlebt.

Nachdem Larsen bei einen Angriff eines großen Teils der Mannschaft nur knapp die Überhand behielt, erreichen sie schließlich die Robbenfanggebiete. Die schwere und lebensgefährliche Arbeit fordert das Leben einiger Besatzungsmitglieder. Als sich zwei Männer aus dem Staub machen, stoßen sie bei deren Verfolgung auf ein Rettungsboot mit drei Männern und einer Frau an Bord. Deren Gegenwart erhöht die Spannungen auf dem Schiff noch mehr, als dies ohnehin der Fall war.

Die Handlung dieser klassischen Abenteuergeschichte wird vielen aus der legendären Verfilmung für das deutsche Fernsehen bekannt sein. Doch im Vergleich ist das Buch eher enttäuschend. Die Geschichte der Jugend der beiden Hauptfiguren in der Verfilmung kommt im Buch nicht vor und auch sonst findet sich wenig, wo das Buch der Verfilmung deutlich überlegen ist, wie das sonst fast immer der Fall ist.

Die Qualität des Romans liegt in erster Linie in der Auseinandersetzung zwischen den beiden denkbar unterschiedlichen Hauptcharakteren und der Schilderung der gewalttätigen Gesellschaft an Bord des Schiffes. Hier versteht es der Autor eine überaus dichte Atmosphäre zu erzeugen und die Spannung von Höhepunkt zu Höhepunkt zu treiben. Ungefähr ab der Mitte mit dem Auftauchen der Frau verfällt der Roman immer mehr zu einer schwachen und klischeehaften Beziehungsgeschichte.

Aber allein die erste Hälfte macht das Buch zu einer hervorragenden Abenteuergeschichte und absolut lesenswert. Nur wer die Fernsehverfilmung kennt, sollte sich das Buch sparen.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Der Seewolf
Autor: Jack London
Verlag: Fischer
Seiten: 378
ISBN: 3596101409