Atmosphäre Europa. Aufbruch – Rezension von Ursula Homann

Ein junger Mann namens Paul – so beginnt der stimmungsvolle, lyrisch angehauchte Hörroman – sitzt in der Sonne in einem Straßencafé und räkelte sich genüsslich auf seinem Stuhl. Man hört Vögel zwitschern, leise Musik im Hintergrund, freut sich mit Paul an dem gelben Zitronenfalter und sieht und spürt die Sonne förmlich auf der eigenen Haut. Doch dann kommt ein Brief dazwischen. Paul schreckt auf, eilt nach Hause, packt seine Siebensachen und fährt schnurstracks los, wohin, weiß er noch nicht. Er erreicht Frankreich, kommt in kleine Städte und Dörfer, und während ihn die Erinnerungen an seine Kindheit mit Drachensteigen und an seine Studienzeit und Freundin heimsuchen, erklingt minutenlang eine Trompete. Dann liegt das Meer vor ihm in der Abendsonne, die Konturen verblassen, die Wellen des Atlantiks schlagen an die Felsen der Küste. Paul fährt weiter in die Provence, lässt sich treiben, bis ihm plötzlich einfällt, dass er eine Entscheidung treffen müsse.

Nichtsdestotrotz genießt er den Markttag in einer kleinen französischen Stadt, nimmt unterschiedliche Eindrücke in sich auf und lernt Geraldine, eine Malerin, kennen, bei der er eine Nacht verbringt und das Fliegen lernt – im Traum, versteht sich. Dann heißt es, Abschiednehmen, Paul muss zurück, um einiges in Ordnung zu bringen. Er fährt gen Osten und kommt zu einer Kathedrale in einer Kleinstadt. Dank seiner Einbildungskraft und Fantasie sieht er plötzlich die Kirche voller Menschen, die mit gefalteten Händen die Gnade Gottes herabflehen, nimmt Farben, Gerüche und Kerzen wahr und gerät förmlich in eine religiöse Ekstase. Musik klingt auf und erfüllt den ganzen Raum. Plötzlich wird es wieder still und leer um ihn. Paul kommt zu sich und sieht den Kalk von den Wänden rieseln.

Der Verlag nennt Pauls Aufbruch und Fahrt durch Frankreich eine „phantastische Reise zu den Wurzeln europäischer Identität“. Das mag etwas weit hergeholt sein, aber eins steht fest: hier ist offensichtlich ein junger Mann auf der Suche nach sich selbst und nach dem, was das Leben ausfüllen und sinnvoll machen könnte. Der Hörer tut daher gut daran, etwas Muße und Ruhe mitzubringen, um Paul auf allen Wegen zu begleiten und diesen stimmungsvollen, atmosphärisch einfühlsamen Hörroman, der streckenweise begleitet wird von meditativer Musik und dann wieder von beunruhigenden Klangwelten, zu genießen. Fürwahr, ein eindrucksvolles Erlebnis, das den aufmerksamen Hörer allerdings nicht über einige stilistische Unstimmigkeiten hinwegtrösten kann, denn mindestens zweimal taucht die Vokabel „scheinbar“ in einem verkehrten Bedeutungszusammenhang auf. (Ursula Homann)

Titel: Atmosphäre Europa. Aufbruch
Autor: Ulrich Zehfuss
Verlag: K&K Verlagsanstalt