Jane Eyre – Rezension von Eva Behrens

Das Schicksal meint es nicht gut mit Jane Eyre. Im zarten Alter von einem Jahr verliert sie beide Eltern und auch der Onkel, der die Waise aufnimmt, stirbt früh. Dessen Witwe, die nun für Janes Erziehung und Pflege verantwortlich ist, hat eine unüberwindliche Abneigung gegen sie, so dass das Mädchen in den ersten Lebensjahren kaum Liebe erfährt.

Im Alter von zehn Jahren kommt Jane schließlich in ein Waiseninternat, wo sie zunächst unter dem Regiment des bigotten Pfarrers Brooklehurst ein ebenso freudloses Dasein fristen muss, wie im Haushalt ihrer Tante. Erst als der Pfarrer wegen seines Geizes bei seinen Gönnern in Ungnade fällt, geht es für Jane aufwärts.

Mehr als acht Jahre bleibt sie in dem Internat, ehe sie sich in einem fremden Haushalt als Gouvernante verdingt. Sie wird freundlich aufgenommen in Thornfield, dem Sitz des zwar gelegentlich etwas schroffen, aber doch recht liebenswerten Gutsherrn Rochester. Janes wacher, stets widerspruchsbereiter Geist findet in Rochester einen ebenbürtigen Partner. Im Laufe etlicher anregender Gespräche und vieler Neckereien, entwickelt sich zwischen den beiden, nach Alter Herkunft so unterschiedlichen Personen, eine tiefe Zuneigung.

Doch Janes Liebe wird bitter enttäuscht. Am Tage der geplanten Hochzeit erfährt sie das bisher streng gehütete düstere Geheimnis ihres Verlobten…

Hals über Kopf flieht sie, verzweifelt, ohne Habe, ohne Geld!

Hungrig, müde und dem Tode nahe wird sie nach mehreren Tagen des ziellosen Umherirrens in einem fremden Ort, von dem dortigen Pfarrer St.John Rivers und dessen beiden freundlichen Schwestern aufgenommen. Sie findet Arbeit als Dorfschullehrerin. Eines Tages erfährt Jane, dass im fernen Madeira ein ihr bisher unbekannter Onkel verstorben ist und ihr ein großes Vermögen hinterlassen hat. Überdies stellt sich heraus, dass es sich bei ihren freundlichen Gastgebern um niemanden anders handelt, als um ihren Cousin und ihre Cousinen, von deren Existenz sie bis dahin nichts geahnt hatte.

Jane könnte jetzt eigentlich glücklich sein, doch noch immer brennt in ihrem Herzen die Liebe zu Rochester und die Gedanken an ihn und sein unbekanntes Schicksal lassen ihr keine Ruhe; sie ahnt, dass auf Thronfield seit ihrer Flucht die Dinge nicht zum Besten stehen.

Als St.John ihr einen Heiratsantrag macht und sie bittet, mit ihm als Missionarsgattin nach Indien zu ziehen, lehnt Jane ab, vor allem Dingen, weil sie weiß, dass ihr Cousin ihr nicht die Liebe entgegenbringt, die für eine glückliche Ehe nötig ist.

Stattdessen begibt sie sich auf den Weg nach Thornhill, um zu erfahren, was aus ihrem geliebten Mr. Rochester geworden ist.

Es ist ein traurige Los, das dem armen Manne seit Janes Verschwinden widerfahren ist. Bei dem Brand seines Gutes erlitt er einen Unfall, durch den er erblindete und zum Krüppel wurde.

Doch der Weg zur Ehe der beiden ist nun frei und schließlich heiratet Jane den schwer Geprüften, so dass sich beider Schicksal letztlich doch zum Guten wendet.

Das Buch, das im Jahre 1847 in England erschien, war für seine Zeit so ungeheuerlich, dass sich die Autorin zunächst scheute, es unter eigenem Namen zu veröffentlichen; statt dessen wählte sie ein männliches Pseudonym (Currer Bell).

Jane Eyre hat nichts, was den Damen der englischen Gesellschaft seinerzeit geziemte . Sie ist weder schön, noch lieblich, nicht charmant und schon gar nicht brav, anpassungsbereit und gefügig. Doch anders als die Personen in „Sturmhöhe“, dem wunderbaren Roman von Charlotte Brontës Schwester Emily, deren Handeln von wilden ungezügelten Leidenschaften bestimmt wird, ist Jane Eyres ganzes Wesen durch und durch vernunftbetont bei allem, was sie tut, lässt sie sich von ihrem klaren Verstand leiten. Selbst Janes Gefühlsausbrüche (z.B. gegenüber ihrer Tante Reed) sind „vernünftig“, denn Aufbegehren gegen Bosheit, Ungerechtigkeit und Willkür ist vielleicht nicht immer klug, aber doch sinnvoll, richtig und nachvollziehbar.

Obwohl „Jane Eyre“ mit etlichen höchst unwahrscheinlichen Zufällen gespickt ist und manchmal fast ein wenig märchenhaft anmutet, ist das Buch ein typischer Gouvernantenroman. Wegen der Stärke seiner Hauptfigur belegt das Buch einen ganz besonders herausgehobenen Platz in diesem von mir ohnehin sehr geschätzten Genre.

Der Roman gefällt mir von der ersten bis fast zur letzten Zeile – einzig der Schluss ist nicht so ganz nach meinem Geschmack. Ich hätte der Heldin ein angenehmeres Schicksal gegönnt, als den Rest ihres noch jungen Lebens an der Seite eines hilflosen und schwer behinderten Mannes zuzubringen. Dieser feige Rochester, der nicht einmal den Mut hatte, seiner Verlobten rückhaltlos die Wahrheit über sein bisheriges, verpfuschtes Leben zu berichten, hat so eine tolle Frau wie Jane doch gar nicht verdient!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Jane Eyre
Autor: Charlotte Bronte
Verlag: Diogenes
ISBN: 3257215819