Die Totenwäscherin – Rezension von Eva Behrens

Eigentlich müsste die Überschrift eher im Plural stehen, denn der Roman erzählt die Geschichte einer ganzen Dynastie von Frauen, die an soeben Verstorbenen ihre Dienste tun und sie für ihre letzte Reise herrichten. Die Geschichte beginnt im neunzehnten Jahrhundert mit Katherine, der Urahnin von Anna- Barbara, die in der heutigen Zeit lebt und das letzte Glied in einer langen Kette bildet.

Katherine ist eine arme Bäuerin. Sie lebt in dem kleinen mecklenburgischen Flecken Gebbin. Um sich und ihre Familie vor Hunger und Not zu bewahren, lässt sie sich mit dem Grafen von Siggelow, der in der Nähe des Ortes ein herrschaftliches Anwesen besitzt, ein. Immerhin kann sie so ihrer Familie einen bescheidenen Wohlstand sichern, doch die Demütigung, die das Verhältnis für sie bedeutet, kann sie nicht verwinden und so stirbt sie schließlich noch jung an Jahren verbittert und unglücklich.

Magdalena, Katherines Tochter, wird einige Jahre später ebenfalls ihr Leben an der Seite eines ungeliebten Gatten verbringen. Echtes Liebesglück bleibt ihr nur für einen einzigen Tag vergönnt – doch dieser kurzen und stürmischen Beziehung zu Seraphino entspringt schließlich Barbara, ihr einziges Kind. Wirkliche Ruhe und Befriedigung findet Magdalena hingegen, wenn sie ihre Dienste an den Toten verrichtet, wenn sie sie wäscht, in den Sarg bettet und die Spuren des Todeskampfes aus den Gesichtern der gerade Verstorbenen hinweg streicht. Barbara wird später mit sehr viel Erfolg die berufliche Tradition ihre Mutter fortsetzen, doch auch eine andere ziemlich unglückliche Familientradition setzt Barabara fort – wie schon ihre Mutter und ihre Großmutter bindet sie sich aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen an einen ungeliebten Mann. Dieser – der Tuchhändler Hermann Wotersen – ermöglicht Barbara den Aufstieg ins Bürgertum, doch ihr Herz gehört Friedrich-Carl Siggelow, dem Enkel des alten Grafen.

Anton, ihr erster Sohn entstammt ihrer kurzen Beziehung zu dem Adligen.

Jahre später wird sich eben dieser Anton ausgerechnet in Emily, eine Tochter Friedrich-Carls verlieben – ohne zu wissen, dass es sich bei der Frau m seine Halbschwester handelt. Später heiratet Anton die Jüdin Hilda, mit der er noch drei Kinder bekommt. Aus einem Gefühl jungendlichen Überschwangs tritt er selber zum Judentum über und entwickelt sich schließlich zu einem strenggläubigen Anhänger dieser Religion. Als die Nazis in Deutschland an die Macht kommen wird für ihn und einen großen Teil seiner Familie diese Tatsache zum Verhängnis.

Nur die älteste Tochter Antonia überlebt die Barbarei. Sie, die ihre Jugend weitgehend in Hamburg bei ihrer Großmutter Barbara verbrachte und dort in die berufliche Tradition der Familie eingeführt wurde, entfernt sich so weit vom Judentum, dass sie während der Nazizeit unentdeckt und nahezu unbehelligt bleibt. Der Preis, den sie dafür zahlen muss, ist jedoch hoch, und das nicht nur, weil auch sie sich an einen ungeliebten Mann binden muss.

Romane über berufliche Traditionen, die sich innerhalb einer Familie fortsetzen, gibt es zu Hauf – über Schauspieler und Musiker, Kaufleute, Zirkuskünstler, Ärzte, Wissenschaftler, Seeleute, Mafiosi und Industriemagnaten. Doch mit Sicherheit gab es bisher kein Buch über eine Dynastie von Totenwäscherinnen. Doch so grauslig, wie es sich vielleicht anhören mag, ist die Handlung des Buches nicht – im Gegenteil, der Roman vermittelt eine gewisse Ruhe und vermag sogar stellenweise die Angst vorm Sterben, vor Tod und allem, was damit zusammenhängt eine wenig abzubauen. Und eigentlich geht es bei der ganzen Geschichte ja nicht in erster Linie um die Toten, sondern um die Lebenden – um das Schicksal mehrerer Generationen von Frauen. Alle Frauen kämpfen auf ihre Art um das Überleben ihrer Kinder – und alle schließen dafür äußerst schmerzhafte Kompromisse.

Besonders interessant war für mich der Lebensweg von Antonia, der Vorletzten in dieser langen Reihe. Ihre Nöte, ihre Gewissenskonflikte und letztlich der Verrat, den sie an ihrer Familie begeht, resultieren aus dem Wunsche, Anna Barbara der Tochter das Überleben zu sichern.

Ob es Anna Barbara, letztlich gelingen wird, mit der unheiligen Tradition des Verzichtens um der Kinder willen endgültig zu brechen, bleibt offen, doch der Schluss lässt die Hoffnung zu, dass sie im reifen Alter von siebenundfünfzig Jahren den richtigen Weg einschlägt.

Insgesamt hat mir der Roman recht gut gefallen – vielleicht war er an machen Stellen ein wenig langatmig. Es würde das Lesen jedoch sehr erleichtern, wenn es im Anhang des Buches so etwas wie eine Ahnentafel für die Familien Winkelmann/ Wotersen und auch für die Siggelows geben würde.

Zartbesaiteten Gemütern möchte ich raten, sich nicht von dem etwas herben Titel abschrecken zu lassen und das Buch trotzdem zu lesen – es lohnt sich.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“

Titel: Die Totenwäscherin
Autor: Helga Hegewisch
Verlag: Ullstein Verlag
Seiten: 398
ISBN: 3898340023