Vergeltung – Rezension von Eva Behrens

In der Oktobersendung des „Literarischen Quartetts“ wurde dieses Buch einhellig gelobt. Da mich bisher Bücher, denen diese Ehre zuteil wurde, nur sehr selten enttäuscht haben, war das für mich Kaufempfehlung genug. Der Roman wurde bereits 1956 zum ersten Male veröffentlicht, geriet jedoch rasch und sehr zu Unrecht in Vergessenheit. Der Autor, der in den fünfziger Jahren noch zwei weitere Werke veröffentlichte (Stalinorgel – 1955 und Faustrecht- 1957) zog sich danach vom Literaturbetrieb zurück, lebte in einem bayrischen Dorf und war nur noch journalistisch tätig, die Schriftstellerei gab er, wohl auch aus Enttäuschung über einige ungerechte Kritiken, völlig auf.

Auf eine nicht näher bezeichnete deutsche Stadt geht an einem Sommertag zwischen13:01 und 14:10 ein schwerer Bombenhagel nieder. Die Menschen erleben das Chaos und die Verwüstung in ganz unterschiedlichen Situationen.

Eine Gruppe von Soldaten und jungen Flakhelfern versucht, die Stadt gegen die gegnerischen Flugzeuge zu verteidigen; aber gleich zu Anfang der Abschwehrschlacht verlieren drei Kanoniere und sieben Flakhelfer, die eigentlich noch Schüler sind, durch einen Rohrkrepierer ihr Leben.

Ein Lehrer sucht verzweifelt seinen kleinen Sohn. Er fürchtet, dass sich der Junge im Bahnhof befindet, der durch die Bomben schwer getroffen wurde. Durch die brennende Stadt versucht sich der Mann dorthin durchzuschlagen und hofft sein Kind noch lebend anzutreffen und aus dem Inferno zu erretten.

Ein amerikanisches Flugzeug wird abgeschossen. Ein Besatzungsmitglied landet mit dem Fallschirm in der Stadt. Der Soldat versucht sich vor den Bombentreffern in Sicherheit zu bringen, doch die Wut der Bevölkerung auf den „Feind“ vereitelt alle seine Hoffnungen.

Ein älteres Ehepaar spielt in seiner von Flammen umzingelten Wohnung Bridge. Die Leute spielen zu zweit, obwohl Bridge doch eigentlich ein Spiel für vier Personen ist, doch ihre beiden früheren Mitspieler, die Söhne Walter und Rudolf sind tot – gefallen! Ein junges Mädchen wird gemeinsam mit einem Mann in einem Keller verschüttet. Bevor die beiden sterben, wird das Mädchen noch von ihrem Leidensgefährten vergewaltigt.

Eine Gruppe russischer Kriegsgefangener ist von Hunger und Krankheit so geschwächt, dass sie das Chaos, das sich um sie herum abspielt nur undeutlich wahrnehmen; ihr Leben und erst recht das ihrer Mitmenschen ist ihnen gleichgültig geworden, ihre größte Sorge gilt dem Essen.

Hunderte von Leuten – Soldaten und Zivilisten harren in einem Bunker aus.

Eine resolute Milchverkäuferin versucht einen jungen Mann daran zu hindern, den Helden zu spielen und rettet so vermutlich sein Leben.

Menschen fallen in Bombentrichter, werden verschüttet, verbrennen, werden erschlagen, erschossen, verbluten. Es gibt keine Möglichkeit, dem Grauen zu entrinnen.

Gert Ledig schont seine Leser nicht. Er lässt wenig Raum für Hoffnung, kaum je findet sich in dem von ihm beschriebenen Desaster Menschlichkeit nirgendwo gibt es das klitzekleine Stückchen Glück am Rande der Katastrophe. Selbst zaghafte Versuche einzelner, zumindest ein kleines bisschen Barmherzigkeit zu zeigen, scheitern grausam. Der Soldat, der versucht, , nur tote statt lebender Menschen zu treffen, indem er seine Bomben über einem Friedhof abwirft, wird später grausam umgebracht. Und die Frau, die ein junger Soldat unter Einsatz seines eigenen Lebens aus einem brennenden Haus schleppt, möchte gar nicht gerettet werden sondern lieber sterben.

Ledig hat am eigenen Leibe den Krieg miterlebt und erfahren, was es bedeutet in einem Bunker zu hocken, während um einen herum die Welt in Schutt und Asche versinkt. Und das merkt man dem Buch an – authentischer kann ein Text nicht mehr sein! Gott sei Dank ist mir die Erfahrung, was Krieg ist, bisher erspart geblieben, doch Ledig schafft es mit seinem Buch, einen Eindruck von dem Entsetzen und der Verzweiflung zu vermitteln, das Bomben, Luftangriffe, Hunger und Geschützdonner hervorrufen. Durch die verschiedenen Erzählstränge, die er verfolgt, hängen lässt und später wieder aufnimmt, vermittelt er uns ein Gefühl des Chaos, des totalen Durcheinanders. Er schreibt extrem kurze, knappe Sätze und unterstreicht so die Härte seiner Aussagen. Nachdem ich das Buch zu Ende gelesen hatte, konnte ich in der folgenden Nacht nur schlecht schlafen. Bomben und Feuer mischten sich in meine Träume.

Das Buch ist als Bettlektüre nicht zu empfehlen und vielleicht auch nicht unbedingt etwas für zarte Gemüter. Für Menschen, die etwas über das Grauen des Krieges erfahren wollen, ist das Buch jedoch ein Muss!

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von “Evas Leseland“

Titel: Vergeltung
Autor: Gert Ledig
Verlag: Suhrkamp
Seiten: 210
ISBN: 3518410644