Mein Name ist Ascher Lev – Rezension von Claudine Borries

Dieses Buch ist schon 1972 erstmals erschienen, jetzt eine Neuentdeckung auf dem Markt.

Ascher Lev ist zu Beginn der Erzählung ein kleiner vierjähriger Junge jüdischer Abstammung . Die Handlung ist etwa um das Jahr 1953 und danach angesiedelt. Er und seine Eltern , seine Onkel und Tanten ,leben in New York, in Brooklyn. Die Vorfahren der großen Familie entstammen den Lubavitcher Chassidim . Die Erzählung wird in der Ichform vorgetragen.

Ascher Lev ist das einzige Kind seiner Eltern. Der Vater betätigt sich für die jüdische Gemeinde in einer Hilfsorganisation zur Rettung russischer Juden aus der Sowjetunion. Mit dieser Aufgabe sind für den Vater viele Reisen verbunden, so dass Ascher viel mit seiner zarten und empfindsamen Mutter alleine ist. Er ist ein sensibler, in sich gekehrter Junge. Er kennt nur eine Passion: er malt und zeichnet ohn‘ Unterlass, bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Er passt nicht auf in der Schule , er lernt nicht ordentlich, er hört nicht zu, er ist geistesabwesend,– er malt, und er malt sogar in Gedanken, wenn er kein Blatt Papier vor sich hat. So wie diese Geschichte erzählt wird, gewinnt der Leser den Eindruck, unmittelbar in die Gedankenwelt des Ascher einzutauchen. Seine klaren , direkten Fragen nach dem Leben, dem Tod, warum dies und das so oder so ist,– immer sieht man ihn mit großen ,gedankenverlorenen Blicken die Welt beobachten, in sich aufnehmen, aber auch ein wenig abgewandt von dieser Welt.

Anrührend ist diese stete und ungebrochene Passion von Ascher Lev, durch Malerei allen seinen Gedanken ,Gefühlen und Beobachtungen einen Ausdruck zu geben.

Wir erleben die Entwicklungsgeschichte und die Besessenheit eines Genies. So etwas ist uns aus der Malerei der vergangenen Jahrhunderte bekannt, beispielsweise von van Gogh oder Toulouse Lautrec u.a. Die jüdische Welt aber ist eine besondere: der Zusammenhalt, die Gläubigkeit, das strenge Einhalten der Feiern und Traditionen,– dieses alles sind Merkmale der Unterscheidung zu Familien der uns bekannten Glaubensrichtungen.

Die Familie und die Gemeinde hat es schwer, sich mit diesem eigenwilligen und seinen eigenen Weg suchenden Genie zu arrangieren.

Im weiteren Geschehen nimmt die Geschichte einen zunehmend dramatischen Verlauf: der Vater entwickelt Wut und Zorn gegen den Sohn, dessen künstlerische Ambitionen ihm als Torheit erscheinen und für dessen Entwicklung er andere Vorstellungen hatte. Die Mutter steht zwischen dem Sohn und dem Vater. Ascher geht mit Billigung des Rebbe ( Rabbi) zu einem anerkannten und berühmten Künstler in die Lehre. Immer wieder spielen die Spannungen zwischen der Familie, dem jüdischen Glauben, der sehr streng organisierten und in der Hierarchie dominierenden jüdischen Gemeinde und dem Künstler Ascher Lev eine herausragenden Rolle in diesem Roman. Denn Ascher ist und bleibt ein frommer , den Glauben praktizierender Jude.

In vielen abgehandelten Gesprächen über Kunst kann man einiges erfahren über Kunsttheorien, Künstler der Moderne und verschiedene Auffassungen über Kunst im Allgemeinen.

Das Ende ist tragisch: getrieben von seinen inneren Impulsen malt Ascher eine Kreuzigung, später auch als die “ Brooklyn-Kreuzigung“ bezeichnet. In dieser Darstellung malt er die Mutter, den Vater, das Leiden , aber als Kreuzigung im christlichen Sinne. Er stellt sich damit gegen die jüdische Tradition, nach der man überhaupt kein Abbild von Gott oder den Menschen malen darf.

Die Eltern, besonders der Vater, wendet sich tief enttäuscht von ihm ab; die Mutter leidet ; der Rabbi gibt ihm zu verstehen , dass er ihn verstehe, dass er aber “ eine Grenze überschritten habe“, die ein Verbleiben in der Gemeinde, unter den Menschen seines Glaubens und derer, die ihn lieben, nicht mehr möglich sein lässt. Er wird nach Paris geschickt , fort aus seiner Heimat Brooklyn.

Ascher ist eine tragische Gestalt, getrieben von den eigenen inneren Bildern, denen er in der Malerei Gestalt zu geben vermag , ja ,geben muss, wohl wissend, dass er sich damit abseits stellt von seiner ursprünglichen Lebenswelt.

Es ist ein sehr ergreifendes Buch , in dem man etwas lernen kann über die strengen Regeln , die im Judentum herrschen, die Frömmigkeit und den Konflikt zwischen Welt und Glauben, in die ein Mensch mit einer inneren Mission, der der Malerei, geraten kann.

Das Buch stimmt nachdenklich und regt an zum Nachforschen über Kunst und Religion und zum Erkennen einer Welt, die nicht mit christlichen oder auch anderen Religionen und deren Traditionen zu vergleichen ist. (Claudine Borries)

Titel: Mein Name ist Ascher Lev
Autor: Chaim Potok
Verlag: rororo
Seiten: 273
ISBN: 3499140128