Die Herrin von Wildfell Hall – Rezension von Ursula Homann

Auf dem halbverfallenen Landsitz Wildfell Hall hat sich Helen Graham, eine schöne und geheimnisvolle junge Frau mit Arthur, ihrem kleinen Sohn und Rachel, ihrer Haushälterin niedergelassen.

Gilbert, der älteste Sohn der Nachbarfamilie verliebt sich bald in die rätselhafte Fremde, obwohl wilde Gerüchte über deren Lebenswandel kursieren. Zunächst weigert sich Gilbert diesen Glauben zu schenken, hält sie für üble Verleumdungen, doch als er eines Abends eine schockierende Beobachtung macht, muss er glauben, dass diese Nachreden doch nicht ohne Grundlage sind.

Um Gilbert über ihr Geheimnis aufzuklären, gewährt Helen ihm Einblick in ihr geheimes Tagebuch. Es ist das Zeugnis einer zutiefst unglücklichen Ehe. Der gut aussehende charmante Mister Huntingdon, in den sich Helen eist verliebte, entpuppt sich bald als Trunkenbold und Weiberheld, der sich mit zweifelhaften Kumpanen umgibt. Er tyrannisiert seine Frau und lässt sie häufig monatelang allein. Sein Verhalten verschlimmert sich von Woche zu Woche und als Helen eines Tages entdecken muss, dass der Gatte sie regelmäßig mit anderen Frauen betrügt, entschließt sie sich zur Trennung, vor allem um Arthur den Sohn vor dem verderblichen Einfluss seines Vaters zu beschützen.

Doch die Flucht aus dem Hause des Ehemannes erweist sich als äußerst schwierig und erst nach sorgfältigen und geheimen Vorbereitungen, gelingt es Helen ach Wildfell Hall zu entkommen, wo sie seither unter einem angenommenen Namen lebt. Als der Gatte eines Tages schwer erkrankt, entschließt sie sicht trotz aller Bedenken zur Rückkehr, um den Leidenden zu pflegen.

Erst sein Tod macht sie wieder frei und schenkt ihr die Möglichkeit ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Obwohl ich eine große Verehrerin der beiden anderen Brontës, nämlich Charlottes und vor allem Emilys bin, habe ich bisher nur wenig von ihrer Schwester Anne gelesen, da ich sie für die am wenigsten Begabte des Trios hielt. „Die Herrin von Wildfell Hall“ hat mich jedoch eines Besseren belehrt, denn diese Schilderung einer gescheiterten Ehe ist glaubwürdig, nachvollziehbar und auch in der heutigen Zeit noch aktuell. Obwohl die Autorin nie verheiratet war (sie starb mit 29 Jahren) beschreibt sie die großen und kleinen Verletzungen, die Missverständnisse und Streitereien, die das Zusammeneben eines Paares unerträglich machen, so als kenne sie das alles aus eigener Erfahrung – das langsame Abgleiten des zunächst so liebenswürdigen Mannes in die Alkoholsucht, sein immer haltloser werdendes Benehmen, seine wachsenden Aggressionen gegenüber der Partnerin. Auf der anderen Seite stehen die von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuche Helens, den Gatten zu erziehen und zu einem anderen – besseren – Lebenswandel zu bekehren, sowie ihr völliges Unverständnis für die Bedürfnisse ihres Mannes. Alles dies ist spannend und mit leichter Hand erzählt. Die verschiedenen Zeitebenen der Romanhandlung und die hinein verwobene zweite Liebesgeschichte (die zwischen Helen und Gilbert) gestalten die Lektüre abwechslungsreich und vergnüglich.

Einzig das gelegentlich etwas zu penetrant vorgetragene religiöse Moment nervt bisweilen. Doch man darf andererseits nicht vergessen, in welcher Zeit das Buch geschrieben wurde. Wenn man bedenkt, dass damals Literatur für Frauen vornehmlich zur Vorbereitung auf ein zukünftiges Leben als brave Haus- und Ehefrau gedacht war, dann hat Anne Brontë einen ziemlich aufmüpfigen Roman vorgelegt. Eine Ehe, in der nicht alles „Friede Freude Eierkuchen“ ist, zügellose Menschen, Helden, die Fehlentscheidungen treffen oder sich auch mal – wie Gilbert- total daneben benehmen, die unbeherrscht und launisch sind und sogar der „Fleischeslust“ frönen – so etwas muss im prüden England des neunzehnten Jahrhunderts ziemlich skandalös gewesen sein. Kein Wunder, dass die Autorin das Buch zunächst unter einem männlichen Pseudonym (Acton Bell) veröffentlichte.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von 2Evas Leseland“

Titel: Die Herrin von Wildfell Hall
Autor: Anne Bronte
Verlag: Insel Verlag
Seiten: 653
ISBN: 3458343318