Anils Geist – Rezension von Ursula Homann

Der 1943 in Sri Lanka geborene und seit 1962 in Kanada ansässige Schriftsteller Michael Ondaatje – bekannt wurde er vor allem durch seinen Roman „Der englische Patient“ – hat diesmal ein Buch über den Bürgerkrieg in seinem Geburtsland Sri Lanka geschrieben, in dem es nicht nur Blütenformen und Vogelstimmen gibt, sondern auch blankes Entsetzen zu Hause ist. Überall herrscht hier ein nichterklärter Krieg. Auf allen Seiten wird gemordet. Leute verschwinden. Meistens findet man sie tot wieder auf. Viele mit zerstörtem Gesicht, um Identifizierungen zu vereiteln.

Die forensische Pathologin Anil Tissera erblickte hier ebenfalls das Licht der Welt und verließ das Land mit achtzehn Jahren. Jetzt wird sie von der Genfer Menschenrechtskommission zurückgeschickt, um zusammen mit einem einheimischen Archäologen namens Sarath den Schicksalen verschwundener Opfer nachzugehen und Beweise dafür zu liefern, dass in dem von Unruhen zerrissenen Land nicht nur Rebellen Terror ausüben, sondern auch die Regierung. Es beginnt eine spannende Spurensuche. Doch wird Anil dabei das Gefühl nicht los, dass es sich bei ihrer Arbeit um eine reine Alibiveranstaltung handle. Insbesondere auf Sarath kann sie sich bis zuletzt keinen Reim machen. Will er ihr wirklich helfen oder sie nur insgeheim überwachen?

Schließlich finden beide innerhalb einer heiligen historischen Stätte ein Skelett. Anil erkennt sofort, dass es erst vor einigen Jahren begraben wurde. Allein kommen Anil und Sarath nun nicht mehr weiter. Sie brauchen Hilfe, und so geraten auch noch andere Menschen und Schicksale mit ins Spiel: der Epigraphiker Palipana, der Arzt Gamini, der sich in aufopferungsvoller Weise um die am Leben gebliebenen Opfer kümmert und mit seinen Helfern inmitten einer unmenschlichen Welt eine Oase der Menschlichkeit und Uneigennützigkeit bildet, ferner Ananda, der Künstler, der das Gesicht des Skeletts modelliert, und nebenbei auch noch Leaf, eine ehemalige Kollegin von Anil, die an Alzheimer leidet und eine eifrige Kinogängerin ist.

Die Gruppe konzentriert sich auf die Identifizierung des Skeletts und auf die Rekonstruktion seiner Geschichte. Man möchte Gerechtigkeit für das Opfer herstellen – ein frommer, utopischer Wunsch, der nicht in Erfüllung geht.

Als Anil die Regierung für die Verbrechen öffentlich verantwortlich macht, wird es für sie und andere gefährlich. Man nimmt ihr alle Unterlagen und den Kassettenrecorder ab, und am Ende kann sie froh sein, unbehelligt das Land wieder verlassen zu können, während ihre Freunde zurückbleiben. An den unmenschlichen Bedingungen in diesem Teil der Erde aber hat sich nichts geändert.

Warum jedoch der Bürgerkrieg in Sri Lanka wütet und überall Anarchie herrscht, darüber erfährt man nichts. Auch über eine Lösung der Konflikte stellt Ondaatje keine Spekulationen an. Stattdessen konfrontiert er seine Leser mit zauberhaften Landschaftsbeschreibungen, labyrinthischen Handlungsfäden, mit einem Kaleidoskop von Geschichten und einer Fülle von Fakten, mit zahlreichen Nebenhandlungen und Figuren, mit Bestattungsriten versunkener Königreiche und mit den Techniken der Pathologie. In einem Interview versuchte der Autor, östliche Weisheit gegen westliches Denken auszuspielen, und wies darauf hin, dass Westler geradlinig denken, nach dem Schema: hier die Ursache, dort die Wirkung. Aber was nützt alle östliche Weisheit, wenn sie einzelne Menschen nicht zu schützen und Grausamkeiten nicht zu verhindern vermag? (Ursula Homann)

Titel: Anils Geist
Autor: Michael Ondaatje
Verlag: Carl Hanser Verlag
Seiten: 323
ISBN: 3446199179