Die Musik der Wale – Rezension von Ursula Homann

Das Leben meint es nicht gut mit Dolores Price. Schon früh muss sie Schicksalsschläge jeder Art ertragen.

Das lang erwartete Brüderchen stirbt bei der Geburt. Die Mutter erträgt den Gedanken an den Tod des Babys nicht und wird depressiv, der Vater sucht seitdem sein Vergnügen bei anderen Frauen. Später lassen sich die Eltern scheiden und die Mutter landet darauf hin in der Klapsmühle. Dolores muss zur ungeliebten Großmutter ziehen und kommt in eine schreckliche Schule, wo ihr auch nur Böses widerfährt. Mit dreizehn Jahren wird das Mädchen von einem Mann, der bei der Großmutter zur Miete wohnt vergewaltigt. In ihrer Verzweiflung fängt Dolores an unkontrolliert zu fressen und wird immer dicker. Dann kommt die Mutter bei einem Unfall ums Leben. Dolores kommt aufs Kollege, wo sie sich noch unwohler fühlt, als auf der Schule – alle hänseln sie wegen ihrer unförmigen Figur. Sie fährt nach Cape Cod, wo einige Wale gestrandet sind, um sich dort das Leben zu nehmen. Sie wird gerettet und landet in einer Klink, wo sie sieben Jahre bleibt.

Kurz nachdem sie die Anstalt verlassen hat, trifft sie auf Dante, einen Mann, in dessen Bild sie sich schon vor Jahren verliebt hatte. Ihn heiratet sie, doch auch ihre Ehe macht Dolores nicht glücklich, denn Dante erweist sich schließlich als nicht so nett, wie Dolores geglaubt hatte. Dolores wird schwanger, doch Dante zwingt sie zur Abtreibung. Nachdem Dante seine Frau auch noch betrügt, kommt es zum Bruch zwischen den Eheleuten.

Dolores zieht zurück in das Haus ihrer Großmutter, das sie geerbt hat, dort lebt sie mit Roberta, einer Bekannten aus Jugendtagen.

Sie entscheidet sich, es noch einmal mit dem College zu versuchen, doch wieder fühlt sie sich dort nicht so richtig wohl, doch immerhin lernt sie dort Thayer kennen, einen Mann, der besser zu ihr zu passen scheint, als der verflossene Dante. Der Versuch, sich von Thayer schwängern zu lassen, misslingt, aber Dolores erkennt, dass sie es mit Hilfe dieses Mannes schaffen wird, auch ohne Kind glücklich zu sein.

Obwohl mich schon der Klappentext zu diesem Buch nicht gerade neugierig auf den Inhalt gemacht hat, ließ ich mich von den vielen positiven Kritiken (und von einem Sonderangebot meiner Buchhandlung) zu einem Kauf der Taschenbuchausgabe des Romans verleiten.

Leider wurde ich ziemlich enttäuscht. Die Lobeshymnen vieler Kritiker kann ich ganz und gar nicht nachvollziehen.

Wer schon öfter meine Buchkritiken gelesen hat, weiß, welche Zutaten für mich zu einem guten Buch gehören – sprachliche Raffinesse, eine nachvollziehbare Handlung, plastischer Erzählstil, Spannung, glaubwürdige Charaktere und Humor. Auf der anderen Seite gibt es Dinge, die mich ungeheuer abtörnen: Langeweile, Weinerlichkeit, erhobene Zeigefinger, misslungene Hauptpersonen, eine verquaste Sprache, Schwulst.

Geschichten, in denen sich Schicksalsschlag an Schicksalsschlag reiht, sind nur zu ertragen, wenn sie mit Witz und Humor erzählt werden, doch leider ist auf den ganzen 570 Seiten, die „die Musik der Wale“ umfasst, nicht ein Fünkchen Humor zu finden. Hinzu kommt, dass ich zu Dolores, der Hauptperson, während der gesamten Lektüre keine Beziehung aufbauen konnte – sie war mir einfach unsympathisch! Ihr Selbstmitleid und ihre Unfähigkeit, dem Leben auch die eine oder andere positive Seite abzugewinnen, gingen mir echt auf den Keks!

Es gibt Leute, die weit schlimmere Dinge ertragen müssen als Dolores Price und die trotzdem ihrem Humor und ihren Lebensmut behalten – als Beispiel seien hier Ruth Picardie mit „Es wird mir fehlen das Leben“ oder Frank Mac Court mit „Die Asche meiner Mutter“ genannt.

Immerhin gibt es einen hoffnungsvollen Schluss, der mich ein kleines bisschen mit dem Roman versöhnt. Ganz am Ende der langen Geschichte findet Dolores zu sich selbst und gewinnt die Fähigkeit, ihr Leben anzunehmen.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Die Musik der Wale
Autor: Wally Lamp
Verlag: Ullstein Verlag
Seiten: 571
ISBN: 3548249493