Das Wüten der ganzen Welt – Rezension von Eva Behrens

Am 22. Dezember des Jahres 1956 wird bei einer religiösen Veranstaltung Arend Vroombout, der Ortspolizist einer holländischen Vorstadt erschossen. Einziger Zeuge der Bluttat ist der junge Alexander, der die Gesänge der Gläubigen auf seinem Klavier begleitet. Da er glaubt, dass der Mörder auch ihm, dem unfreiwilligen Beobachter des grausigen Geschehens, ans Leder will, lebt er seit diesem Moment in Furcht vor dem unbekannten Mann, den er nur für einen flüchtigen Augenblick sehen konnte. Nur am Klavier, wenn er die Musik seiner geliebten Komponisten Beethoven, Bach oder Schubert spielt, fühlt er sich wohl und sicher.

Da die Polizei nicht in der Lage ist, die Tat aufzuklären, versucht Alexander auf eigene Faust, herauszufinden, warum und von wem der Mord verübt wurde. Manchmal glaubt der Junge verzweifeln zu müssen, denn wo er auch sucht, überall stößt er auf Lügen, Widersprüche und seltsame Zusammenhänge. Sowohl seine Klavierlehrerin scheint in den Fall verwickelt zu sein als auch sein väterlicher Freund, der musikbegeisterte Apotheker Simon Minderhout. Kannten sie den Mörder, wissen sie warum Vroombout sterben musste? Selbst Jahre später, als längst Gras über den Fall gewachsen ist, gelingt es Alexander nur selten, das Trauma seiner Jugendzeit zu verdrängen, denn immer wieder wird er mehr oder weniger zufällig auf diese Geschichte gestoßen. Und dann muss er plötzlich erkennen, dass er viel tiefer in das Geschehen verstrickt ist, als er je ahnen konnte . . .

Es ist eine verwickelte und doch am Ende vollkommen logische Geschichte, die der Autor hier erzählt. Scheinbar nebensächliche Details, die zu Beginn des Romans mehr oder weniger beiläufig zur Sprache kommen, werden zum Schluss plötzlich unglaublich wichtig, und führen schließlich zur Aufklärung des Ganzen.

Obwohl der Leser, genau wie der Ich-Erzähler, bis etwa zur Hälfte des Buches völlig im Dunkeln tappt, höchstens eine vage Ahnung von den Zusammenhängen hat, erkennt er doch langsam, in welch kompliziertes Geflecht aus Rache, Lüge, Verrat, Liebe und Hass der junge Alexander ohne eigene Schuld verstrickt ist. Man glaubt plötzlich, viel mehr zu wissen, als der bedauernswerte Junge, der nicht in der Lage ist zu erkennen, was doch so klar auf der Hand zu liegen scheint.

Dabei ist das Buch weiß Gott nicht nur ein simpler Krimi, es ist sehr viel mehr – ein Buch über die Musik, übers Erwachsenwerden und über die Liebe. Und nicht zuletzt enthält der Roman auch eine ziemlich harte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen während des Krieges und den ersten Jahren der Nachkriegszeit in den Niederlanden.

Dieses Buch hatte bei mir den Effekt, den halt nur ganz besonders gelungene Romane hervorrufen: Ich wollte lesen, lesen und lesen und doch wusste ich, dass ich je gieriger ich den Text verschlang, mich um so schneller der letzten Seite näherte, die mich unwiderruflich von der Lektüre trennen würde. Ursprünglich hatte ich vor, den Roman mit der Höchstwertung auszuzeichnen, doch nachdem einige Tage vergangen waren, und mein Gesamteindruck sich festigen konnte, empfand ich ein unangenehmes, schales Gefühl was Alexanders Entscheidung am Ende des Buches betrifft. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte das traurige Geheimnis, das sich um seine eigene Existenz rankt und das er selber aufgedeckt hat, seinen nächsten Angehörigen, vor allem seiner Frau enthüllt. Bis zu dem Augeblick, wo er erkennen muss, wer er wirklich ist, ist Alexander an all den Ränken, die so viel Unheil angerichtet haben, vollkommen unschuldig – ein ahnungsloses Opfer. Doch er hätte die einmalige Chance gehabt unter dieses Kapitel einen Schlussstrich zu ziehen, indem er es nicht tut und die Lüge weiter bestehen lässt, belastet er sich nun selber auch mit Schuld.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland

Titel: Das Wüten der ganzen Welt
Autor: Maarten ‚t Hart
Verlag: Piper Verlag
ISBN: 3492225926