So helle Augen – Rezension von Ensa Maurer

‚Und dann platzte die Bombe. Der Mörder, der mit einem offenherzigen Geständnis versuchte, seine Haut zu retten, begann in der gerichtlichen Untersuchung detailliert und methodisch alle seine Verbrechen, die er begangen und derer man andere Menschen beschuldigt hatte, zu schildern. Gurko legte Tatjana schweigend eine Mappe mit Kopien von Irischkas Materialien vor. Einige Zeitlang wurde es völlig still im Büro, nur die Seiten raschelten beim Umblättern. Schließlich schob Tatjana die Mappe beiseite. „Und warum denkst du“, fragte sie nachdenklich, „daß er schon ähnliche Verbrechen begangen hat? Vielleicht ist es das erste?“

Als der pensionierte Moskauer Polizist Pjotr Gurko eines Tages im Treppenflur seines Wohnhauses seinem Ex-Kollegen Nikolaj Schanin begegnet und überdies die Wohnungstür seiner Nachbarin Irischka offen steht, schwant ihm Schlimmes. Zu Recht, denn das Appartment der jungen Frau, die er als beispiellos anständig kennen gelernt hatte, befand sich in einem verheerenden Zustand und sie selbst wurde bestialisch ermordet. Grund genug für Gurko, fortan die Hege und Pflege seines exotischen Privatzoos ein wenig zu vernachlässigen, um auf eigene Faust im Mordfall Irischka zu recherchieren. Dabei stößt er rasch auf erstaunliche Parallelen zu früheren Taten.

Die Psychoanalytikerin Xenia Pawlowna hat ihren Alltag, zu dem auch ein Ehemann und eine pubertierende Tochter gehören, präzise durchorganisiert. Alles im Leben der kühlen, durch und durch verkopften, permanent wachsamen Frau hat seine Ordnung. Die jedoch wird jäh gestört, als Xenia von einem Mann verfolgt wird, der lediglich eine Bitte hat: mit ihr als Psychoanalytikerin sprechen zu dürfen. Xenia lehnt dieses Ansinnen vehement ab. Als sie wenig später bei einer Silvesterparty von ihrer Freundin Lena Huhn gebeten wird, trotz aller Arbeit einen neuen Patienten aufzunehmen, willigt Xenia widerstrebend ein – noch nicht ahnend, dass es sich dabei um ihren Verfolger handelt.

Der Psychothriller „So helle Augen“ ist der erste Teil eines Roman-Zyklus über ein Freundinnen-Trio, bei dem jeweils eine andere von der Autorin in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt wird. Doch das Debütwerk von Anna Dankowtsewa beinhaltet bei genauem Hinsehen nicht nur eine, sondern zwei Geschichten: die des Ermittlers Pjotr Gurko und die der Psychoanalytikerin Xenia Pawlowna. Beide laufen in völlig gleichberechtigten Handlungssträngen nebeneinander her – bis sie schließlich aufeinander treffen – und unterscheiden sich nicht nur durch die komplett differenten Charaktere ihrer Protagonisten, sondern auch durch den Erzählstil. Herrscht in den Passagen um Gurko ein liebevoll, warmer Tenor, so spiegelt sich die Rationalität der Xenia auch im Ton der sie beschreibenden Kapitel wider. Mit besonderer Raffinesse sind jedoch die Nebenfiguren angelegt: Erwecken sie anfangs den Anschein von Statisten, so nehmen sie im Verlauf des Plots zunehmend wichtigere Rollen ein.

Anna Dankowtsewa wurde 1961 in Tambow/Zentralrussland geboren und verbrachte ihre Kindheit in Weimar. Sie studierte Informatik, absolvierte eine Theaterschule und assistierte von 1987 bis 1995 dem Direktor des Moskauer Eremitage-Theater. Als Autorin trat sie 1995 erstmals mit Abenteuerromanen und Kinderbüchern in Erscheinung. In den folgenden Jahren arbeitete sie als Kinderbuch-Lektorin sowie als freie Mitarbeiterin für verschiedene Magazine. Seit 1998 ist Anna Dankowtsewa, die derzeit an ihrem dritten Roman schreibt, als Redakteurin bei Radio Liberty in Moskau tätig. (Ensa Maurer)

Titel: So helle Augen
Autor: Anna Dankowtsewa
Verlag: Diogenes
Seiten: 224
ISBN: 3257062842