Momente der Geborgenheit – Rezension von Eva Behrens

Gegenwart: Wilhelm Bolt, der als alter Mann vor einigen Tagen verstorben ist, beobachtet quasi aus dem Sarg heraus seine eigene Beerdigung und lässt das letzte Jahr seines Lebens noch einmal an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Lea, seiner jungen Großnichte, die auf der Flucht vor nicht näher bezeichneten unangenehmen privaten Ereignissen bei ihrem schwerreichen Verwandten Unterschlupf gefunden hatte, war es während dieser Zeit gelungen, Zugang zum ansonsten so einsamen und verbiesterten Herzen des alten Mannes zu finden.

1899: Josefa, ein junges Mädchen lebt als Tochter eines Leuchtturmwärters auf einer kleinen schwedischen Ostseeinsel. Eines Tages strandet ein Schiff in der Nähe der Insel, doch Josefas Vater und seine Mitarbeiter können nur noch Tote bergen. Dieses Schreckerlebnis löst bei Josefa einen ersten epileptischen Anfall aus. Der Assistent ihres Vaters, den Josefa liebt wie einen nahen Verwandten (vermutlich ist er sogar ihr biologischer Vater), fällt nach dem Unglück, an dessen tragischem Ausgang er nicht ganz unschuldig ist, in Ungnade.

Rom zur Zeit der Renaissance: Fiorello lebt als Diener des Grafen Lorenzo del Vetro in dessen herrschaftlichen Haushalt. Del Vetro leidet an einer lästigen Hautkrankheit, doch durch die Gegenwart eines wundertätigen Madonnenbildes wird der Mann plötzlich geheilt. Fortan trachtet der Graf danach, dem Geheimnis dieses Bildes auf die Spur zu kommen. Er schickt seinen jungen Diener nach Padua, damit er Auskunft über den Schöpfer des Gemäldes einhole. Fiorello gelingt es tatsächlich einen früheren Schüler des Malers zu finden und mit ihm zu reden. Auf diese Weise erfährt Fiorello fast alles über die Entstehung des Bildes, doch sein Wissen behält er für sich.

Zurück zu dem Toten im Sarg: Der Mann erinnert sich an weiter zurück liegende Ereignisse seines Lebens. Er denkt an seine früh verstorbene Frau, an seine ebenfalls tote kleine Tochter, an seinen Unfall im Bergwerk und an den zweiten Weltkrieg.

Das Buch erzählt drei in sich abgeschlossene Geschichten, die auf den ersten Blick nicht das geringste miteinander zu tun haben. Ihre jeweiligen Hauptpersonen sind weder miteinander verwandt noch sonst auf irgendeine Weise miteinander verbunden. Es sind die kleinen Dinge, die die einzelnen Erzählstränge miteinander gemeinsam haben. Da ist zum Beispiel die Orange, die sowohl auf einem Madonnenbild in Josefas Heimatkirchlein prangt, als auch auf del Vetros Wundergemälde. Da ist die Musik, zu der sich sowohl Lea als auch Josefa hingezogen fühlen. Da ist Wilhelm Bolts Interesse an Mineralien – ein Wissensgebiet, mit dem sich in früheren Zeiten auch Maler beschäftigen mussten, weil ihre Farben zum Teil aus Gesteinsmehl hergestellt wurden…

Das Buch ist 586 Seiten dick, doch wurde mir die Lektüre nur selten langweilig. Hansen zieht die Leser mit liebevollen und detaillierten Schilderungen in seinen Bann – und vermittelt zumindest gelegentlich tatsächlich so etwas Ähnliches wie Geborgenheit. Der nur sehr vage und kaum erkennbare Zusammenhang der einzelnen Teile des Romans war für mich jedoch störend, er verführte mich zu sinnlosem Herumrätseln – ob Fiorello vielleicht der Ur-ur-ur-ur-Großvater von Josefa war oder Josefa die Mutter Wilhelm Bolts usw. Mir wäre es daher lieber gewesen, wenn der Autor den Zusammenhang zwischen den einzelnen Teilen seines Romans etwas deutlicher herausgestrichen hätte – etwa in der Art wie bei seinem wundervollen Roman „Choral am Ende der Reise“ , wo jede erzählte Lebensgeschichte ebenfalls für sich alleine stehen kann, jedoch das schreckliche Ende schließlich alle Betroffenen zusammenführt.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von „Evas Leseland“.

Titel: Momente der Geborgenheit
Autor: Erik Fosnes Hansen
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Seiten: 586
ISBN: 3462028375