Owen Meany – Rezension von Alfred Ohswald

John Wheelwirght wächst bei seiner schönen, alleinstehenden Mutter und seiner sich sehr aristokratisch benehmenden Großmutter auf und kennt seinen Vater nicht. Seine Mutter weigert sich, seine Identität bekannt zu geben, ist aber eine hervorragende Mutter. Bald findet sie einen anderen Mann, den sie nach langer Verlobungszeit auch heiratet. Dan, dieser andere Mann, wird Jonnys väterlicher Freund.

Und er hat einen besten Freund namens Owen Meany. Dieser extrem kleingewachsene und mit einer markanten, durchdringlichen Stimme ausgestattete Junge ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Stark religiös, glaubt er sich von Gott mit einer Aufgabe betraut, nachdem er bei einem Unfall während eines Baseballspiels Jonnys Mutter getötet hat. Ein immer wieder kehrender Traum zeigt ihm Ort, Art und Datum seines Todes und er bereitet sich sein ganzes Leben darauf vor.

In der Schule macht er sich durch hervorragende Leistung aber auch durch scharfe Kritik als Schreiber einer Kolumne in der Schülerzeitung auf sich aufmerksam. Als die Schule einen neuen Direktor bekommt, kommt es zu einer äußerst heftigen Auseinandersetzung zwischen den Beiden.

So durchleben Jonny und Owen Kindheit und Jugend während Amerika sich immer tiefer in den Konflikt in Vietnam verwickelt. Und Owen steuert unerbittlich auf sein ihm bekanntes Schicksal zu und Jonny versucht ihn immer wieder vergeblich davon abzubringen.

Gern umgibt Irving seine Romanhelden mit außergewöhnlich originellen Begleitern. Mit Owen Meany präsentiert er fast eine Art Messias und folgerichtig gilt sein Hauptaugenmerk in diesem Roman der Religiosität.

Er erzählt uns, wie von ihm gewohnt, das Leben seiner Hauptfigur und entwickelt besonders bei der Beschreibung skurriler Ereignisse seine gewohnte Stärke. Wenn er zum Beispiel eine Probe eines Krippenspiels beschreibt, in der die schauspielenden Kinder und die beteiligten Erwachsenen zwischen Rivalitäten und Katastrophen hin und her pendeln, wird sich wohl kein Leser ein kopfschüttelndes Lächeln über den Einfallsreichtum und die Formulierkunst des Autors verkneifen können. Es ist aber zugleich ein außergewöhnlich trauriges Buch, wenn Owen Meany unweigerlich auf seinen vermeintlich unabwendbaren Tod zusteuert.

Auf dieses zentrale und abschließende Ereignis führt Irving den Leser sehr geschickt wie zur Auflösung eines Krimis hin. Genau dosierte Bemerkungen in Szenen aus verschiedenen Zeitebenen bauen einen höchst gekonnten Spannungsbogen auf und selbst als dem Leser der Ausgang des Ereignisses bekannt ist, hält der Autor den Leser bis zum Ende auf Trab, in dem er erst den Ablauf beschreibt.

Die stärksten Momente hat das Buch in seiner ersten Hälfte, wo die Jugend Kindheit der beiden Hauptfigur in der Tradition Mark Twains erzählt wird, und beim sich zum Drama steigernde Ende. Ungewöhnlich für Irving ist die in diesem Buch durch die Hauptperson geäußerte, sehr heftige Kritik der amerikanischen Politik und Gesellschaft und die sehr große Rolle der Religion.

Irving ist ein Musterbeispiel für die Kunst des Erzählens bei vielen Autoren aus dem englischsprachigen Raum.

Kritik geschrieben von Alfred Ohswald, Herausgeber von Buchkritik.at

Titel: Owen Meany
Autor: John Irving
Verlag: Diogenes
Seiten: 853
ISBN: 3257224915