Östlich der Berge – Rezension von Eva Behrens

Bevor seine Krebserkrankung ihn ans Bett fesselt und ihn zum Siechtum verdammt, möchte der Arzt Ben Givens noch einmal auf die Jagd gehen und dann seinem Leben ein Ende setzen. Mit seinen beiden Hunden Rex und Tristan setzt er sich ins Auto und fährt los in die Berge des Bundesstaates Washington.

Doch die Dinge entwickeln sich von Anfang an anders, als Ben es sich vorgestellt hat. Bei einem Unfall wird sein Wagen schwer beschädigt, Ben selbst jedoch bleibt bis auf eine Platzwunde an der Stirn und ein blaues Auge, genau wie die Hunde, weitgehend unverletzt. Zwei junge Leute erbarmen sich des alten Arztes und nehmen ihn in ihrem eigenen Auto weiter mit in die Einsamkeit des weiten Landes.

Konfrontiert mit der Natur erinnert sich Ben an sein vergangenes Leben, an seine glückliche Jugend als Sohn eines Obstfarmers, an den Tod der Mutter, an den Bruder Aidan und vor allem an Rachel, seine vor zwei Jahren verstorbene Frau, deren Tod er noch nicht verwunden hat.

In der Nacht hat Ben eine unangenehme Begegnung mit einem Farmer in deren Verlauf Tristan getötet, Rex schwer verletzt und der angreifende Hund des fremden Farmers von Ben erschossen wird.

Mühsam schleppt sich Ben mit dem verletzten Rex in die nächste Kleinstadt, damit das Tier medizinisch versorgt werden kann.

Während Ben in einem Hotelzimmer die kommende Nacht verbringt, kommen weitere Erinnerungen an die Oberfläche. Ben denkt an den zweiten Weltkrieg, der ihn als Gebirgsjäger nach Italien verschlug.

Am nächsten Tag geht Bens Fahrt weiter. In einem Greyhoundbus trifft er auf einen schwer kranken mexikanischen Obstpflücker, den er mit viel Mühe überreden kann, sich medizinisch behandeln zu lassen.

Auf einer Obsplantage hilft er einer jungen Mutter bei ihrer ersten Geburt und rettet so ihrem Baby das Leben.

Am Ende erkennt er, dass der Selbstmord für ihn nicht die richtige Art ist sich von der Welt zu verabschieden. Obwohl ihn seine Krebserkrankung von Tag zu Tag mehr plagt, beschließt er, die wenigen Tage, die ihm noch verbleiben, bewusst zu erleben und schließlich einen natürlichen Tag zu sterben.

Wäre es ein Film, über den ich hier rede, würde man ihn wohl ein Roadmovie nennen – wie die entsprechende Bezeichnung für einen Roman ist, weiß ich nicht.

Jedenfalls spielt sich der größte Teil der Geschichte auf der Straße ab und in den wenigen Tagen, die Bens Reise dauert, erlebt er mehr, als manche Leute in -zig Jahren.

Obwohl der Roman alles enthält, was gemeinhin zu einem Roadmovie gehört- rasende Autofahrten, Unfälle, Ballerei, unerwartete Begegnungen mit wohlgesonnenen und feindseligen Zeitgenossen, ist er doch langsamer und leiser als ein typischer Vertreter diese Genres.

Geschickt verflicht der Autor mehrere Zeitebenen und erzählt so von der großartigen Landschaft im Nordwesten der USA, vom Leben der Obstbauern in dieser Gegend sowohl in vergangenen Jahren als auch in der Gegenwart, er erzählt von den Gräueln des Krieges, von den Belastungen des Alters, von Krankheit und Verfall und nicht zuletzt von der großen Liebe zwischen Ben und Rachel.

Mir hat das Buch recht gut gefallen, doch bleibt es hinter der Poesie und der erzählerischen Kraft von „Schnee, der auf Zedern fällt“ insgesamt ein wenig zurück.

Kritik geschrieben von Eva Behrens, Herausgeberin von Evas Leseland.

Titel: Östlich der Berge
Autor: David Guterson
Verlag: Goldmann Verlag
Seiten: 313
ISBN: 3442725739